Leinefelde-Worbis. „Kindheitserinnerungen werden wach“, „Nostalgie pur“, „eine Reise in die Vergangenheit“: Wer durch die mittlerweile fünf Gästebücher im Blumenblock der Landesgartenschau blättert, merkt schnell, dass dieser ungewöhnliche Ausstellungsort bei vielen Menschen weit mehr hinterlässt als den Eindruck einer sehenswerten Ausstellung.
Seite für Seite erzählen die handschriftlichen Einträge davon, was der Rundgang durch den ehemaligen Plattenbau bei seinen Besuchern auslöst. Manche hinterlassen nur wenige Worte, andere schreiben ganze Absätze. Immer wieder geht es um die eigene Kindheit und Jugend, die erste Wohnung, die Großeltern oder Gegenstände, die jahrzehntelang vergessen schienen – und im Blumenblock plötzlich wieder vor einem stehen.
Wenn aus einer Ausstellung eine Zeitreise wird
„Wir haben uns in unsere Kindheit zurückversetzt gefühlt“, heißt es in einem der Gästebücher. Ein anderer Besucher schreibt schlicht: „Danke für die Zeitreise in die Vergangenheit.“ Wieder andere berichten davon, wie alte Erinnerungen plötzlich lebendig werden.
Vor allem die eingerichtete DDR-Wohnung entwickelt dabei eine besondere Wirkung. Möbel, Geschirr, Fernseher, Küchengeräte, Tapeten und unzählige kleine Details sorgen immer wieder für den gleichen Moment des Wiedererkennens: So oder ganz ähnlich sah es früher auch zu Hause aus.
Manche Besucher erinnern sich an die eigene erste Wohnung, andere an das Zuhause der Eltern oder Großeltern. Besonders berührend sind jene Einträge, in denen mehrere Generationen zusammenkommen. „Wie schön, das meinen Kindern zeigen zu können“, schreibt beispielsweise ein Gast. Andere erzählen davon, wie die Enkel staunen oder schmunzeln, wenn ihnen ihre Großeltern zeigen, wie sie einst gelebt haben.
So wird aus der Ausstellung ganz nebenbei auch ein Ort des Gesprächs. Menschen bleiben vor einzelnen Gegenständen stehen, erzählen einander Geschichten und entdecken Gemeinsamkeiten. Was für die einen vertrauter Alltag war, ist für jüngere Besucher längst Geschichte.
Persönliche Erinnerungen auf jeder Seite
Gerade die kleinen, sehr persönlichen Bemerkungen machen die Gästebücher so lesenswert. Ein Besucher schreibt, dass er auf einem ausgestellten Foto sogar seinen Vater wiedererkannt habe. Andere entdecken Gegenstände, die sie selbst noch heute besitzen oder benutzen. Wieder andere fühlen sich beim Rundgang plötzlich zurückversetzt in die Wohnung von Oma und Opa.
Ein Satz bringt die Wirkung der Ausstellung besonders schön auf den Punkt: „Ich war wieder Kind.“
Dabei wird die Vergangenheit in den Gästebüchern keineswegs einheitlich bewertet oder verklärt. Die Einträge spiegeln ganz unterschiedliche Lebensgeschichten und Erfahrungen wider. Genau das gehört zur Ausstellung: persönliche Erinnerungen an Alltag und Familie ebenso wie der Blick darauf, wie sehr sich Wohnen und Leben in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.
Und manchmal darf auch geschmunzelt werden. Ein Detail hat es offenbar gleich mehreren Besuchern angetan: die Puppe auf dem Bett. Das Urteil fällt nicht immer schmeichelhaft aus – „gruselig“ gehört zu den wiederkehrenden Kommentaren. Auch solche kleinen Beobachtungen zeigen, wie genau sich die Gäste in den Räumen umsehen.
Mehr als Nostalgie: Floristik verwandelt den Plattenbau
Der Blumenblock lebt jedoch nicht allein von Erinnerungen. Ebenso begeistert zeigen sich viele Gäste von den floristischen Inszenierungen in den oberen Etagen. In den Gästebüchern ist von „wunderschön“, „beeindruckend“, „fantasievoll“ und einer Gestaltung „mit viel Liebe zum Detail“ die Rede.
Gerade der Kontrast macht den besonderen Reiz aus: ein ehemaliger Plattenbau, Stadt- und Alltagsgeschichte auf der einen Seite und moderne, immer wieder neu inszenierte Floristik auf der anderen.
Deshalb lohnt sich der Blumenblock auch für diejenigen noch einmal, die ihn bereits früher während der Landesgartenschau besucht haben. Die floristischen Ausstellungen wechseln mehrfach. Noch bis zum 27. September ist „Modern und Tradition“ zu sehen. Vom 1. bis 11. Oktober bildet „Begegnung und Trennung“ den Abschluss der Ausstellungsreihe.
Fünf Gästebücher – und noch längst nicht die letzte Erinnerung
Die Einträge stammen von Menschen aus Leinefelde-Worbis und dem Eichsfeld ebenso wie von Besuchern aus vielen anderen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland. Manche schreiben nur ein begeistertes „Toll!“, andere lassen eine kleine persönliche Geschichte zurück.
Zusammengenommen erzählen die fünf Bücher längst ihre eigene Geschichte der Landesgartenschau. Sie zeigen, dass der Blumenblock für viele Besucher zu einem Ort geworden ist, an dem Vergangenheit plötzlich wieder ganz nah erscheint.
Und die Bücher sind noch nicht vollendet.
Bis zum Ende der Landesgartenschau am 11. Oktober 2026 bleibt Zeit, selbst durch die Räume zu gehen, Bekanntes wiederzuentdecken, Neues kennenzulernen und vielleicht anschließend ein paar eigene Zeilen im Gästebuch zu hinterlassen.
Wer den Blumenblock bislang noch nicht gesehen hat, sollte die Gelegenheit nutzen. Und wer schon einmal dort war, hat mit den wechselnden Floristikausstellungen einen guten Grund, noch einmal zurückzukehren.
Denn irgendwann wird aus dem Blumenblock selbst das, was heute so viele Menschen dort suchen: eine Erinnerung.
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